Bauvorhaben

Unmögliche Massnahmen

Es ist klar. Im Kanton gibt es viel Lärm. Dementsprechend gibt es viele Lärm-Probleme. Es gibt auch fast so viele Lösungen. Zu verdanken sind sie der konstruktiven und kreativen Arbeit und Zusammenarbeit von Bauherrschaft, Architektur und Technik mit dem für den Lärmschutz zuständigen Heer von dienstbeflissenen Beamtinnen und Beamten.

Probieren geht über Studieren

Gelegentlich brennt bei einzelnen Beteiligten die Kreativität ein wenig mit ihnen durch. Manchmal ist das sogar interessant, selten auch ganz amüsant.

 

Loggia mit mehrfachem Zusatznutzen (neudeutsch sog."win-win", im Beispiel korrekterweise sogar "win-win-win"). Zwar dürfte die Lärmschutzwirkung nicht ganz unumstritten sein. Das Minergie-Aussengerät hingegen ist ein klarer Hinweis auf das versteckte Gesamtkonzept hinter einer nachhaltigen Lärm-Energie-Gesamtlösung - unglaublich auch der integrative Charakter dieser verblüffenden Mastervariante bezüglich wohnhygienischer Fragestellungen.

Leider sind der Kreativität auch Grenzen gesetzt - einerseits aus physikalisch-technischen Überlegungen, anderseits im Sinne eines integralen Lärmschutzverständnisses.

Im folgenden seien ein paar Beispiele aufgeführt (Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit - wird fortlaufend ergänzt - Anregungen hochwillkommen...).

Abstandsdämpfung und Verdichtung

Eine Vergrösserung des Abstandes zwischen Lärmquelle und Lüftungsfenstern duch Umplatzierung ganzer Gebäudekörper kann Sinn machen, wo es viel Platz hat. Nur gibt es fast nirgendwo mehr viel Platz.

Darum heisst es dort, wo Raum ein rares Gut ist und Verdichtung angesagt ist, mit dem Gebäudekörper nahe am Lärm dran zu bleiben, den Gebäudekörper als Schirm einzusetzen und mit weiteren Massnahmen zu kombinieren. So lässt sich nutzloses Abstandsgrün in wertvollen Aussenraum verwandeln.

Lärmschutzwände innerorts

Lärmschutzwände im Siedlungraum mit einer Gesamthöhe von 3 Metern oder mehr haben lärmmässig sicher eine tolle Wirkung, weniger aber für das Ortsbild. 
Neubauten sollten eigentlich ohne Lärmschutzwände auskommen oder diese ins Bauwerk integrieren.

Lärmschutzwand und Lärmschutzwirkung

Lärmschutzwände - Fluch oder Segen? Sorgen bereitet das Ortsbild, Freude bereitet die Pegelreduktion. Bei ersterem nützt alles Rechnen nichts. Bei letzterem ist korrektes Rechen das A&O.

Liegt ein Empfangspunkt gerade mal knapp unter der Sichtlinie zur Quelle wie definiert, ist eine genügende Reduktion noch nicht gesetzt. Wer nicht genau rechnet, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Zusatznutzen

Reine Lärmschutzmassnahmen  - wie nordseitig auf die Strassenschlucht ausgerichtete Minimal-Loggien oder die in Grenzwert-Notfällen immer wieder mal gerne hervorgezauberten, von niemandem aber wirklich gerne gesehenen Schallblenden - haben bei der Beurteilung einen schweren Stand. Gestalterische Lärmschutzmassnahmen am Gebäude sind zum Scheitern verurteilt, wenn sie keinen Zusatznutzen generieren können.

Vorsprünge und Rücksprünge

Die Aspektwinkelreduktion treibt regelmässig bunte Blüten.

Hervor- und zurückspringende Fassaden an der Lärmfront unterliegen leider mannigfaltigen und erheblichen Reflexionseffekten, welche die anmutigen 90-Grad-3-dB-Reduktionen grösstenteils zunichte machen. Schade.
Noch wirkungsloser ist die Abschirmung durch die Fenster-Mauerkante.

Fenster-Blenden

Schallblenden an Seitenfenstern zeitigen beim Rechnen eine verblüffende Wirkung. Hier sind es die blöden Beugungseffekte, die alle berechtigten Hoffnungen zunichte machen.

Glasfassaden-Vorhang

Leider auch ein Blender ist die Vorstellung, mit einer vorgehängten Glasfassade die leidige Grenzwert-Problematik bei Wohnräumen in den Griff zu bekommen. Das offene Fenster hinter der Glaskonstruktion führt nach normalem Empfinden nicht wirklich ins Freie. Das Lüftungsfenster ist aber nun einmal so definiert.

Wintergarten-Loggia

Wintergärten sind, wie es ihr Name beschreibt, primär zur Verlängerung der vegetabilen Gartensaison bis hinein in den Winter gedacht. Loggia-Verglasungen als Dämmperimeter zaubern aus der Massnahme 'Loggia' einen Wohnraum 'Loggia' für Zweibeiner - mit genau den Grenzwert-Überschreitungen, die sie ursprünglich beseitigen solten. So viel Zusatznutzen ist deshalb dann doch des Guten zuviel.

Kniestock-Fenster

Die Mitte des Fensters individuell zu definieren öffnet nicht immer neue Türen. Das horizontal geteilte Fenster (System "Kuhstall invers", Empfangspunkt in der Mitte unten!) setzt sich nonchalant über die 1.5 Meter ab Fussboden-Oberkante für den Empfangspunkt hinweg, die mit dem Aufkommen der raumhohen Fenster im Sinne des Gesetzes festgelegt werden mussten. Wer schiebt nach erfülltem Fondue-Plausch schon gerne die Sofakombination aus dem hohen Norden in die volle Essecke, um der Käse-Knoblauch-Aura wenigstens ein bisschen Freiheit zu verschaffen.

Dachflächenfenster mit und ohne Reflektorwirkung

Dachflächenfenster sind eine gute Sache und tatsächlich sehr effizient - die richtige Situation vorausgesetzt. Wird die Quelle durch die Dachkante nicht abgeschirmt, geht die Rechnung leider nicht auf.

Doch damit nicht genug - je nach Fensterkonstruktion und Gesamtsituation spielen auch hier Reflexionen - am gegen aussen aufgeklappten Fenster selbst - einen ungenialen Streich.

Durchgehende Lüftung

Die Möglichkeit zur Lüftung eines Raumes mittels des Fensters eines andern wird gerne und rege genutzt. Die Distanzlinie vom Raummittelpunkt des einen zum Empfangspunkt des andern ist aber definitiv und definitionsgemäss eine Linie, die im Raum verläuft. Die Luft beim Lüften weht ja auch nicht durch Mauerecken.
Bei den beiden Räumen handelt es sich ausserdem immer um Wohnen und Essen.
Durchgehendes Lüften heisst auch nicht einfach, zwei Zimmertüren zu öffnen...

Büro in der Wohnung

Verlockend ist selbstverständlich das Angebot, das lärmstörrische Zimmer als "Büro" anzuschreiben. In Betriebsräumen gilt ja schliesslich die Praxis der kontrollierten Belüftung als Massnahme, falls die 5 dB Betriebsbonus die Grenzwertprobleme nicht bereits zu lösen imstand sein sollten. Papier ist geduldig. Büros in Wohnungen bleiben aber Wohnräume.

Atelier

Dann gibt es noch die - selbstverständlich gewerblich genutzten - Ateliers, meist anzutreffen an lärmigen Ecken neuer Wohnüberbauungen, zeitgemäss ausgestattet mit geräumigem Bad mit WC und Bidet sowie einer grosszügigen Tee-Ecke (Wer viel Zeit im Büro verbringt, will es ja auch einigermassen gemütlich haben.). Es ist auch nicht auszuschliessen, dass Herr Fleissig - wenn es die Auftragslage erfordert - 'mal die eine oder andere Nachtschicht einlegt, und sich dann halt im Atelier ein paar Stunden Schlaf gönnt - dazu hat er ja ein Bettsofa in der Nische.

Reduit

Das unscheinbare "Reduit" mit 15 m2 Nutzfläche, gelegentlich auch mit Balkon und separatem Bad und WC (das Nötigste halt), ist 5 m2 zu gross geraten. Schade, denn ein Reduit als solches könnte doch als nicht lärmempfindlicher Raum allen Beteiligten einigen Ärger ersparen.

Hotelzimmer und Ferienwohnungen

Hotelzimmer sind zum Wohnen da. Nur kontrollierte Lüftung alleine reicht hier also nicht aus, um die Lärm-Grenzwerte einzuhalten. Analog klassischen Wohnräumen müssen auch hier vorgängig Optimierungsmassnahmen ausgeschöpft werden.
Ferienwohnungen sind Ferien-Wohnungen. Sie ermöglichen einen längeren Aufenthalt. Vielleicht sind es ja auch keine Ferien-Wohnungen, sondern Wohnungen? Und: Was (noch) nicht ist, kann ja noch werden, nicht wahr? Deshalb gibt es zum Trick mit der kontrollierten Belüftung bei der Datscha ein klares Njet.