Schule

Lärm: Last oder Lust?

Ein kritischer Text zur Vorbereitung auf den Lärmvortrag

von Joan S. Davis
Der Schwerpunkt des Lärmschutzes liegt heute in technischen Massnahmen. Diese lassen ausser acht, dass psychologische Faktoren, darunter die Lust auf den Lärm, vielmals hinter der Lärmerzeugung liegen. Eine wirksame Lärmbekämpfung muss solche Einflüsse berücksichtigen.


Die motorisierte Mobilität läuft mit dem Bruttosozialprodukt einher. Lärm ist ein unerwünschtes Nebengeräusch dieser sonst gesellschaftlich positiv gesehenen berauschenden Fahrt auf der Überholspur. Und gerade weil wir diesen Fahrstil schätzen, wird grundsätzlich nicht daran gerüttelt. Lediglich die Folgen - darunter der Lärm - sollen weniger unangenehm auffallen.
Der Kampf gegen den Lärm findet meist auf zwei Ebenen statt: Einerseits durch Einschränkung der Ausbreitung (z. B. mit Lärmschutzwänden) oder durch Verminderung der Fahrgeräusche mit technischen Innovationen. Andererseits wird versucht, die zunehmenden Mobilität mit Lenkungsabgaben in Schranken zu weisen oder zumindest lärmarm abzuwickeln (z. B. Förderung des öffentlichen Verkehrs). In der Diskussion über Massnahmen fehlt jedoch eine wichtige Quelle des Verkehrslärms: Die Lust auf Lärm, vorausgesetzt er wird selbst erzeugt.

Lärm: Ursache und Folge psychischer Störungen?

Bekanntlich kann Lärm zu psychischen Störungen führen. Das Umgekehrte, dass psychische Probleme zum Lärmproblem beitragen können, wird erst allmählich thematisiert. Anlass dazu gab unter anderem die Zunahme des aggressiven Fahrens mit seinen Folgen: Eine überproportionale Beteiligung an tödlichen Unfällen - aber auch mehr Lärm. Des weitern: Das Störpotential dieser Lärmquelle liegt nicht allein in der hohen Dezibelzahl. Das forcierte Heulen des Motors verrät, dass hier andere Faktoren im Spiel sind, als lediglich die Fortbewegung mit dem Transportmittel Auto. Der auffallende, aufdringliche Lärm ist gewollt. So wirkt er auch anders als das, was zweckgebunden und unvermeidbar ist, wie z. B. eine vorbeirasende, heulende Ambulanz.
Nicht nur die 'starke'- oder eben sportliche - Fahrweise verrät, dass Lärm für viele Autofahrer - und z. T. auch Autofahrerinnen - einen positiven Wert hat. Wer heute die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, setzt auf Lärm. Früher diente Geschwindigkeit dazu, aber in der Zwischenzeit kann das jeder... und doch nicht: Hier greifen eher die Gesetze.
Die 'Lärmpotenz' des Fahrzeugs spielt auch beim Kauf eine Rolle: Leise Motorräder ziehen zum Beispiel den Kürzeren gegenüber ihren lärmigen Konkurrenten. Darüber hinaus wird, wo möglich, die Lärmerzeugungskapazität des Gefährts durch das Ausbohren des Auspufftopfs erhöht.
Während manche psychologisch relevante Eigenschaften des Autos wie Status- oder Sexsymbol längst eine dominante Rolle in der Werbung spielen, wird mit Lärm kaum geworben. Liegt es daran, dass wir nicht gerne zugeben, dass wir Lärm wollen oder gar brauchen? Ahnen wir, dass Lautstärke vielleicht innere Schwächen verrät? Einblick in die Profile derjenigen, welche durch aggressives Fahren tödliche Unfälle verursachen, lassen zumindest tiefgreifende Unzufriedenheiten vermuten.

Lärm: Eine Kompensation aus Angst?

Mehr als nur Vermutungen waren solche Zusammenhänge für C. G. Jung. In einem Brief an Dr. Karl Oftinger, Professor der Universität Zürich und Begründer der "Liga gegen den Lärm", sind provokative Gedanken über Lärm zu finden. "Der Lärm schützt uns vor peinlichem Nachdenken, er zerstreut ängstliche Träume, er versichert uns, dass wir ja alle zusammen seien und ein solches Getöse veranlassen, dass niemand es wagt, uns anzugreifen. ... Er enthebt uns aller Anstrengung, etwas zu sagen oder zu tun, denn sogar die Luft zittert von der Gewalt unserer unüberwindlichen Lebensäusserung. Das ist die Kehrseite der Medaille: Wir hätten den Lärm nicht, wenn wir ihn nicht heimlich wollten. Er ist nicht bloss ungelegen oder gar schädlich, sondern ein uneingestandenes und unverstandenes Mittel zum Zweck, nämlich eine Kompensation der Angst. ... Das, was in Wirklichkeit gefürchtet wird, ist das, was vom eigenen Inneren kommen könnte, nämlich all das, was man sich durch Lärm vom Halse gehalten hat."
Diese Gedanken unterstreichen die psychischen, gesellschaftlichen Faktoren, die im Problem 'Lärm' beteiligt sind, die jedoch kaum angesprochen werden.
Zugegeben, es ist wesentlich schwieriger, sich mit solchen schwer quantifizierbaren Aspekten statistisch auseinanderzusetzen. Vernachlässigen dürfen wir sie dennoch nicht: Solche psychologische Faktoren haben nicht nur auf Lärmpegel und Fahrweise einen massgeblichen Einfluss, sondern auch auf weitere kritische Messgrössen der Verkehrsproblematik, wie Unfallrate und Treibstoffverbrauch.

Lärmschutz heute: Nur technische Lösungen für soziale Probleme?

Ein Blick auf die Autowerbung lässt erkennen, dass hier nicht unbedingt auf das Interesse für technische Eigenschaften gezielt wird, sondern häufig auf Gefühle. Dürfte es uns dann überhaupt wundern, wenn die Fahrweise die gleichen Gefühle widerspiegelt? Wer ein starkes Auto kauft, um zu imponieren, wird sich kaum angesprochen fühlen, wenn es um den Appell geht, auf eine sanfte Fahrweise umzustellen. Auch nicht, wenn er weiss, dass dadurch der Lärmpegel wesentlich gesenkt werden kann und die Wirkung der Halbierung (!) des Privatverkehrs nahe käme.
Ob dieser emotionelle Hintergrund der Lärmerzeugung bei der Lärmbekämpfung heute genügend Aufmerksamkeit erfährt, um wirksam zu sein? Oder ist da ein Spielraum vorhanden, wo - in Zusammenarbeit mit anderen Ämtern, Erziehungs- und Schulbereichen - vor allem jüngere Autofahrer (Jugendliche sind bei der Lärmerzeugung stärker vertreten) angesprochen werden können? Lang genug hat Lärm - als vermeintlicher Beweis der 'Stärke' - bei vielen ein positives Ansehen genossen. Die bisherigen, technischen Lärm-schutzmassnahmen setzen sich mit diesem Aspekt zu wenig auseinander. Und so kommt auch die Botschaft nicht an, dass die soziale Bedeutung des Lärms als Zeichen von Stärke und Abwehr längst ausgedient hat: Diese einst so wichtige Rolle liegt weit zurück, auf einer ganz anderen Stufe der Evolution.

Dr. Joan S. Davis ist Mitglied des Direktionsstabs der EAWAG (Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz) und Lehrbeauftragte der ETH Zürich und der Universität Basel.